Kennenlernen für Fortgeschrittene  Verfasst: Dienstag, den 25. März 2008 22:53

Die Art wie wir uns momentan kennenlernen, entspricht sicher nicht der Norm. Sich Schritt für Schritt entdecken, kleine Macken aufspüren, Freunde kennenlernen, Nähe und Vertrautheit aufbauen, Routinen entwickeln - das alles findet bei uns entweder sofort oder gar nicht statt.

Ich kenne weder seine Freunde und Arbeitskollegen noch seine Familie (und die, die ich kenne..naja, sagte ich ja bereits), seine Wohnung habe ich seit drei Monaten nicht mehr betreten, ich kenne seinen Alltag nicht, er meinen auch nicht. Es ist, als säßen wir unter einer Käseglocke, gut abgeschirmt von der übrigen Welt.

Und dennoch ist es nicht so, dass wir uns fremd wären - ganz im Gegenteil. Ich glaube, ich bin noch nie in so kurzer Zeit mit so viel Nähe konfrontiert worden. Wir haben zusammen Ängste ausgestanden und tun es noch, haben unser Innerstes immer wieder nach außen gekehrt, bedingungslos offen über Dinge gesprochen, die ich bisher für unaussprechlich hielt. Direkt und völlig unromantisch. Wir haben zusammen geweint und wirklich schreckliche Momente zusammen erlebt. Ich habe nächtelang an seinem Bett gesessen, voller Angst, ihn beruhigt als es ihm richtig schlecht ging und niemand wusste, wie es weitergeht.

So wissen wir einerseits unglaublich viel übereinander - und dieses Wissen verbindet uns sehr. Andererseits gibt es natürlich vieles, das fehlt. Ich möchte ihn so gerne berühren, ihn in den Arm nehmen, küssen, ihn spüren. Aber das liegt noch in unbestimmter Ferne - momentan ist noch nahezu jede Berührung mit Schmerzen verbunden. Vielleicht ist es wahnsinnig oberflächlich von mir, diesen Wunsch auszusprechen - aber wenn nicht hier, wo dann?

 

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Große Fragen  Verfasst: Montag, den 24. März 2008 18:27

In den Wochen nach dem Unfall haben mich Freunde und Eltern immer gefragt, wie es nun weitergehen soll. Ob es denn weitergehen soll. In den ersten Tagen habe ich sie für diese Frage gehasst - als ob man, wenn etwas so Schreckliches passiert, das Recht hat, zu sagen "Ich gehe lieber", als ob das irgendetwas an den Gefühlen ändert. Sie sagten "Und wenn er gelähmt bleibt?" und ich habe sie gehasst, dass sie diese Gedanken überhaupt ausgesprochen haben.

Heute, mit etwas Abstand, weiß ich, was sie meinen. Sie meinen, dass aus einer frischen und leichten Beziehung plötzlich eine schwere Last wird, in der man Verantwortung übernimmt, mit jedem Tag ein Stück mehr, und dass man es ertragen können muss, dass diese Verantwortung die Leichtigkeit verdrängt.

Irgendwann begann ich mir diese Frage selbst zu stellen: "Was wird, wenn...?" Und ich wusste keine Antwort, wirklich nicht. Alles war viel zu viel, viel zu groß, viel zu schwer.

Als er wieder wach war, fühlte ich diese Distanz zu ihm. Natürlich liebte ich ihn, da war ich mir sicher. Ich wusste nicht, ob ich das ertragen will und kann, wusste nicht, was ich tun und sagen sollte. Und ich hätte jeden Tag kotzen können, weil ich mir so wahnsinnig oberflächlich vor kam. Genauso wie ich nie sein wollte.

Er spürte das natürlich, auch wenn wir nie darüber sprachen. Bis zu seiner zweiten Operation. Es gab Komplikationen, er musste wiederbelebt werden, bekam Bluttransfusionen, fieberte danach tagelang und wieder konnte niemand sagen, wann und ob er wieder aufwacht. Und in dieser Zeit wurde mir klar, dass ich nicht bei ihm sein wollte, weil es unfair gewesen wäre, jetzt zu gehen, sondern dass ich bei ihm sein wollte, weil ich es von ganzem Herzen wollte. Weil ich ihn liebe und aus keinem anderen Grund.

Als er wieder wach war, war das das erste, was ich zu ihm sagte. Ich erzählte ihm von meinen Zweifeln, meiner Angst und meiner Entscheidung. Und ich werde es nie vergessen, wie er kaum hörbar sagte "Ich hatte solche Angst, dass Du gehst. Aber ich hätte es verstanden." Ich glaube, seitdem ist einiges anders zwischen uns, noch intensiver und noch offener. 

Wie ich darauf komme? Weil ich vorhin mit Caro genau darüber gesprochen habe und endlich antworten konnte. "Es würde nichts änden." Und diese Erkenntnis - auch wenn sie schon etwas länger da ist - tut wirklich gut.

 

 

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Drumherum  Verfasst: Montag, den 24. März 2008 11:56

Wir waren seit sechs Wochen zusammen, als der Unfall passierte. Und wie das in den ersten Wochen einer Beziehung eben so ist - man vergisst die Welt um sich herum.

Ich hatte seinen besten Freund und seine Schwester kennengelernt und wir waren gemeinsam auf einer Party gewesen, auf der sich mir viele Leute vorstellten, deren Namen ich mir beim besten Willen nicht merken konnte. Aber warum auch - es gab ja sicher noch viele andere Anlässe, diese Leute näher kennenzulernen.

Einmal waren wir kurz bei seinen Eltern; kein offizieller Besuch, nur um etwas abzuholen. Drei Stunden Autofahrt hin und wieder zurück, auf denen man endlos reden konnte.

Seine Eltern waren freundlich zu mir gewesen, man tauschte Belanglosigkeiten aus und dann waren wir ja auch schon wieder weg. Ich fühlte mich, wie man sich halt schnell mal so fühlt bei den Eltern des neuen Freundes: unsicher, vielleicht ein wenig verschüchtert.

Aber ich dachte mir, das wird schon noch, wenn man sich erstmal häufiger gesehen hat.

Das nächste Mal, dass ich mit ihnen sprach, war am Tag nach dem Unfall am Telefon. Das nächste Mal, dass ich sie sah, war im Krankenhaus. Natürlich, die Umstände waren völlig anders, die Situation hätte kaum emotional aufgeladener sein können - trotzdem war besonders seine Mutter schon damals sehr zurückhaltend. Ich habe dem keine weitere Bedeutung zugemessen, immerhin waren auch die Umstände nicht alltäglich.

Bis heute habe ich keinen Zugang zu ihr gefunden, ebensowenig wie zu seinem Vater. Vielleicht erwarte ich da auch zuviel, ich weiß es nicht. Es fühlt sich so an, als gehörte ich nicht dazu - unter normalen Umständen wäre das wohl verständlich, aber ich einer solchen Situation...sollte man da nicht "zusammenrücken"? Gerade in den ersten Wochen habe ich häufig gedacht: Wenn er jetzt stirbt - würde ich das überhaupt erfahren?

Ich bin ungern im Krankenhaus, wenn ich weiß, dass seine Eltern auch da sind. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart wie sprechende Luft. Sie sind nicht unhöflich, wirklich nicht. Dennoch geben sie mir das Gefühl, dass ich mehr eine Affäre bin als seine Freundin. Ja, ich weiß, was erwarte ich eigentlich? Ich habe wirklich versucht, Kontakt mit ihnen aufzubauen, sie zum Kaffee einzuladen, mit ihnen zu sprechen. Sie blocken alles ab - zwar freundlich, aber dennoch.

Ich weiß, mein Gejammer wirkt pathetisch in Anbetracht der Tatsache, um was es hier wirklich geht. Aber solange es ihm noch so schlecht geht, habe ich das Gefühl, sie sind eine Brücke zu ihm.

Auch heute werden sie im Krankenhaus sein, natürlich. Und das lässt mich schon wieder taktisch überlegen, wann ich hinfahren sollte, um ihnen möglichst nicht zu begegnen, und die emotionale Eiszeit wenigstens heute nicht mitmachen zu müssen.

Es ist ein so komisches Gefühl, dass mittlerweile so viel von Außenstehenden und dem Kontakt zu ihnen abhängt. Ich fühle mich so isoliert, kann das gar nicht genauer beschreiben.

Vielleicht nehme ich ja demnächst mal allen Mut zusammen, und spreche seine Eltern direkt darauf an.

Gerade rief meine besten Freundin an und hat mich zum Osterbrunchen bei ihr zu Hause überredet. Eigentlich darf ich mich nicht beschweren, ganz allein bin ich schließlich nicht.

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Alles bleibt anders  Verfasst: Sonntag, den 23. März 2008 18:59

Es ist kaum zu glauben, dass der Unfall schon drei Monate her ist. So unglaublich viel hat sich seitdem verändert - und dennoch ist immer noch so viel unklar.

Die zweite Operation ist mit einigen Komplikationen endlich vorüber, aber es geht ihm noch immer mal besser mal schlechter.

Ich kann all die Eindrücke der letzten Wochen gar nicht zusammenfassen. Es geht ihm nach wie vor nicht gut - wobei schlechte und weniger schlechte Tage sich mittlerweile die Waage halten. An schlechten Tagen kann es allerdings immer noch sein, dass er vor Schmerzen kaum ansprechbar ist und unter nahezu jeder Berührung zusammenzuckt.

Ich vermisse ihn so. Ich vermisse es, mit ihm zu lachen und Spaß zu haben, ihn zu spüren. Es ist noch immer an jedem einzelnen Tag schrecklich, ihn so zu sehen und nichts tun zu können. 

Die Prognosen bleiben nach wie vor verhalten.

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Wach  Verfasst: Dienstag, den 15. Januar 2008 16:10

Er ist wieder wach, seit zwei Wochen. Die ersten Tage waren schlimm, er wusste nicht, wo er war, hatte eine Gedächtnislücke von einem halben Jahr. Ganz normal, wie man uns immer wieder erklärt hat.

Er liegt noch immer auf der Intensivstation, eine große Operation steht ihm immernoch bevor, sobald er stabil genug ist. 

Jeder Tag fühlt sich nach wie vor wie ein böser Traum an. 

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