Die Art wie wir uns momentan kennenlernen, entspricht sicher nicht der Norm. Sich Schritt für Schritt entdecken, kleine Macken aufspüren, Freunde kennenlernen, Nähe und Vertrautheit aufbauen, Routinen entwickeln - das alles findet bei uns entweder sofort oder gar nicht statt.
Ich kenne weder seine Freunde und Arbeitskollegen noch seine Familie (und die, die ich kenne..naja, sagte ich ja bereits), seine Wohnung habe ich seit drei Monaten nicht mehr betreten, ich kenne seinen Alltag nicht, er meinen auch nicht. Es ist, als säßen wir unter einer Käseglocke, gut abgeschirmt von der übrigen Welt.
Und dennoch ist es nicht so, dass wir uns fremd
wären - ganz im Gegenteil. Ich glaube, ich bin noch nie in so
kurzer Zeit mit so viel Nähe konfrontiert worden. Wir haben
zusammen Ängste ausgestanden und tun es noch, haben unser
Innerstes immer wieder nach außen gekehrt, bedingungslos
offen über Dinge gesprochen, die ich bisher für
unaussprechlich hielt. Direkt und völlig unromantisch. Wir
haben zusammen geweint und wirklich schreckliche Momente zusammen
erlebt. Ich habe nächtelang an seinem Bett gesessen, voller
Angst, ihn beruhigt als es ihm richtig schlecht ging und niemand
wusste, wie es weitergeht.
So wissen wir einerseits unglaublich viel übereinander - und dieses Wissen verbindet uns sehr. Andererseits gibt es natürlich vieles, das fehlt. Ich möchte ihn so gerne berühren, ihn in den Arm nehmen, küssen, ihn spüren. Aber das liegt noch in unbestimmter Ferne - momentan ist noch nahezu jede Berührung mit Schmerzen verbunden. Vielleicht ist es wahnsinnig oberflächlich von mir, diesen Wunsch auszusprechen - aber wenn nicht hier, wo dann?




